Nachrichten aus Mediascape

– ein Essay von Stella Rollig

Wo sind wir zu Hause? Susi Jirkuff, eine versierte und neugierige Reisende, ist in ihrer künstlerischen Arbeit den Faktoren auf der Spur, die Zugehörigkeit, Vertrautheit und damit Identität stiften. Gewiss, Jean Baudrillard schreibt: „Die Identität ist ein Traum voller pathetischer Absurdität.“[1] Selbst wenn man zustimmt, kann man sich in diesem Traum, in dem die Traumata nisten, geborgen fühlen.

Jirkuffs Themen und Motiven zufolge sind es die scheinbar transglobal anonymisierten und die medialen Orte, an denen eine zeitgenössische Identität ihre Bauteile findet. Damit soll nun Globalisierung nicht plump pauschalierend als weltumspannende Nivellierung behauptet werden. Wir sprechen spezifisch vom Interesse und von den Erfahrungen einer österreichischen Künstlerin, die mit den Produkten der Medienindustrie aufgewachsen ist und die an hybriden, rauen, metastatischen Orten wie London, Los Angeles und Johannesburg genug Zeit verbracht hat, um über die Realität ökonomischer, politischer und kultureller Differenzen Bescheid zu wissen. Vor diesem Hintergrund muss ihr auffallen, dass eine Fernseh-Person wie Inspektor Stephan Derrick aus München, die hierzulande und in Jirkuffs Generation beinahe zur Familie zu zählen ist, auch in Johannesburg zur Referenzfigur taugt. „Harry, hol‘ schon mal den Wagen“ funktioniert als transnational verbindendes Kryptozitat.

Der Ort intellektueller Heimat ist der so genannte Diskurs. Der Bezug auf bestimmte Theoreme und Begriffe prägt internationale Gemeinschaften, so wie andere über die jüngsten emotionalen Probleme des Personals in „Melrose Place“ Bescheid wissen. Ein Stück immaterielle Heimat für eine transnationale intellektuelle Community hat zum Beispiel der Anthropologe Arjun Appadurai mit seinem Buch „Modernity at Large“ zur Verfügung gestellt. Darin bezeichnet er die temporäre und ortsunabhängige Heimat von Menschen „on the move“ im gegenwärtigen Zeitalter der Migration als „ethnoscapes“.

Diese „ethnoscapes“ sind durchkreuzt und geprägt von „mediascapes“. „What is most important about these mediascapes is that they provide […] large and complex repertoires of images, narratives, and ethnoscapes to viewers throughout the world, in which the world of commodities and the world of news and politics are profoundly mixed.“[2]

Als gewiefte Einwohnerin der „mediascape“ hat Susi Jirkuff sich das potentiell verwirrende Mixing als künstlerische Methode offensiv angeeignet. In ihren Animationsvideos „Orte, so scheint es“ (1999) und „remote control“ (2001) doziert Inspektor Derrick über die Bedeutung realer Orte im Zeitalter medialer Projektionen (wobei er den Architekten-Theoretiker Zamp Kelp zitiert), oder der Konzeptkünstler Bruce Nauman diskutiert in einer Talk-Show mit dem Medienstar Pamela Anderson über den Körper, und sie klingen wie ExpertInnen auf einem hochkarätigen Fachsymposium.[3]

Für Susi Jirkuff ist die Lektüre kunsttheoretischer Texte, urbanistischer Theorie, postkolonialer Studien und Medienanalyse integraler Teil ihrer Arbeit – ebenso selbstverständlich wie Fernsehen, Zeitung lesen, ins Kino gehen und Musik hören. Ihre künstlerischen Medien sind Zeichnung, Fotografie und Video, ihre Arbeiten sind multimediale Berichte aus der Zone der „mediascape“.

In London hatte sie damit begonnen, umfangreiche Bücher anzulegen, in denen sie Zeitungsfotos in Filzstiftzeichnungen übersetzte. Bis heute entstehen alle Zeichnungen nach Fotovorlagen (eigenen oder angeeigneten), in einem Stil, der an Illustration und Comic Strips angelehnt ist. Einzelne Motive, Figuren und Bilder werden Teil eines Pools, auf den sie immer wieder zurückgreift, wodurch Personen und Räume in verschiedenen Arbeiten jeweils neu eingesetzt werden können. Die ideale Synthese ihrer fotografischen und zeichnerischen Arbeit hat sie im Animationsvideo gefunden. Vier Bänder sind bislang entstanden: ein intelligentes und raffiniertes Prozessieren prägender Bilder, Plots, Orte und Ideen voll visueller Abwechslung, komplexem Denkmaterial und liebevoll gewählten Sounds.

Susi Jirkuff ist sie keine introvertierte Beobachterin – die persönliche Auseinandersetzung mit Menschen ist wesentlich. Die auf den folgenden Seiten porträtierten Personen sind ihr alle begegnet. Manche davon erweisen sich möglicherweise als gemeinsame Bekannte aus – nein, nicht aus dem „globalen Dorf“, sondern aus jener „mediascape“, in der sich die meisten von uns zu Hause fühlen.

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[1] Jean Baudrillard: Der unmögliche Tausch. Merve Verlag Berlin, 2000. S.76

[2] Arjun Appadurai: Modernity at Large. Cultural Dimensions of Globalization. Minneapolis / London, 1996. S.33 ff.

[3] In diesem Fall: Toyo Ito und Derrick de Kerckhove. Die Zitate werden im Abspann ausgewiesen.