Absenz des Privaten im öffentlichen Blick

Zur Arbeit von Susi Jirkuff für Auwiesen

– ein Essay von Martin Fritz

 

Eine verschleierte Frau lacht mit ihrer Begleitung über die animierte Verschleierte auf dem, in einem Durchgang — wie abgestellt — platzierten Monitor. Wie oft im Rahmen des Festival der Regionen ergeben sich besondere Momente ohne Ankündigung, unwiederholbar und der Dokumentation schwer zugänglich. Tagtäglich führten Susanne Jirkuffs Filme zu ähnlichen Mikroreaktionen im öffentlichen Raum einer Wohnanlage, die unter anderem durch einen hochgradig gepflegten Freitraum auffällt, dessen private Nutzung jedoch auf die vorgeplanten Funktionen (Kinderspiel, gelegentliches Spazierengehen, Joggen oder Radfahren) beschränkt bleibt, wohl beschränkt bleiben soll, wie es die Verbotsschilder Nahe legen, deren Anweisungen von den wachsamen Augen der BewohnerInnen kontrolliert werden. Dem allgegenwärtigen Blickregime konnten auch die seltsamen Boxen mit TV-Monitoren nicht entgehen, die plötzlich in der Siedlung standen und prompt Anrufe bei Polizei und Festival nach sich zogen: Jemand habe Fernsehgeräte im Freien gelagert, wenn wir nicht aufpassen würden sie alle gestohlen ließen die einen bestellen, während andere die sofortige Zerstörung aller Geräte durch – wie immer – „die Jugendlichen“ in Aussicht stellten und wieder andere bei der Hausverwaltung nachfragten, was es denn mit diesen Fernsehern auf sich habe, deren Stromzufuhrkabel offensichtlich den einen oder anderen Siedlungsbewohner in den ersten Tagen zum Ausprobieren seiner Schneidewerkzeuge reizten.

Doch die kleinen Aufregungen legten sich und mit längerer Dauer des Projekts (und mehrmals erneuerter Stromzufuhr) fiel der Blick immer deutlicher auf die Stimmigkeit von Jirkuffs Intervention, die mit einer doppelten Verschiebung des Privaten ins Öffentliche agierte: Die Monitore – im Flatscreen-Zeitalter bereits etwas antiquiert – changierten formal zwischen der mit ihnen assoziierbaren Häuslichkeit und ihrer Ausgesetztheit im Außenraum, die an den Sperrmüll denken lies, der an anderer Stelle der Siedlung an einem informellen Tauschplatz zur Wiederverwertung abgelagert wird. Die kurzen gezeichneten Animationen wiederum, mit denen Jirkuff ihre Installation bespielte, zeigten Alltägliches, Häuslich-“Normales“, wie das Lösen eines Kreuzworträtsels, das Herumtasten auf einer Fernbedienung oder unruhige Finger beim Texten von SMS, alltägliche Bilder, die auch Überwachungsbilder sein könnten, würde man die Kameras nach Innen in die Wohnungen richten und damit ein „Monitoring“ der Siedlung, ihrer BewohnerInnen und ihrer Alltagshandlungen unternehmen.

Jirkuffs „Monitoring“, gezeichnet, ohne Ton und ohne jede „provokante“ Darstellung (wiewohl das filmische Drehen eines Joints sofort bemerkt wurde) , verschafftem dem Außenraum eine stimmige Ergänzung. Die dargestellten Handlungen konnten als Portraits und Alltagskatalogisierung „privatisiert“ wahrgenommen werden, thematisierten jedoch gleichermaßen Routinen als öffentliche Angelegenheiten innerhalb einer Wohnanlage in der die öffentliche Hand dafür sorgte, dass ihre BewohnerInnen, ungesehen wie Celebrities oder gefährdete Personen, direkt über die Tiefgaragen ihre Wohnungen erreichen können. Die räumliche Organisation führt zu einer bemerkenswerten Absenz des Privaten im öffentlichen Blick, eine Absenz die gerade jene Teile der Stadt prägt, die explizit nur für jenes Private gewidmet wären.

Jirkuff – jeder Überheblichkeit abhold aber auch weit entfernt von einer fraternisierend-missionarischen Praxis – agierte in Auwiesen mit der respektvollen Distanz einer Künstlerin, die ihren Mitteln auch außerhalb des Kunstraums vertraut, da das Alltägliche seit jeher Teil ihrer künstlerischen Interessen ist. Indem sie die filmischen Vorlagen für ihre Animationen in Auwiesen zum Teil aus Internetquellen bezieht, und diese Home-Movies – bearbeitet – in den Außenraum „entlässt“ schließt sie den Kreis, der auch in ihrer Kunst im Alltagsraum beginnt und von dort vor die Augen der Öffentlichkeit führt. Sie zieht es mit ihrer Arbeit immer dorthin wo sich das Naheliegend-Alltägliche mit dem Gesellschaftlichen trifft: In Sprache, Geste, Übersetzung, kultureller Codierung oder – wie in Auwiesen – im gebauten Raum.